Wirtschaft

Steuerabzug Ehrenamt 2026: Die bittere Wahrheit für 3 Millionen Freiwillige

434 Milliarden Franken. So viel ist die unbezahlte Arbeit in der Schweiz wert: Haushalt, Kinderbetreuung, Pflege und Freiwilligenarbeit zusammen, mehr Stunden als die gesamte bezahlte Arbeit. Rund 3 Millionen engagieren sich in Vereinen und Organisationen, zwei Drittel der Bevölkerung helfen in irgendeiner Form. Und der Dank vom Staat? Null Steuerabzug. Hier ist die ganze Geschichte.

· Quellen: BFS, SGG, ESTV
WhatsApp
434 Mrd.
Wert unbezahlter Arbeit
CHF, BFS 2020
9.8 Mrd.
Stunden pro Jahr
Mehr als bezahlte Arbeit
41%
Formell freiwillig
Freiwilligenmonitor 2025
0 CHF
Steuerabzug Ehrenamt
Kein Bund, kein Kanton

Die unbezahlte Arbeit in der Schweiz ist CHF 434 Milliarden wert – über 41 % der Wirtschaftsleistung, wenn man die Haushaltsproduktion mitzählt. 9.8 Milliarden Stunden pro Jahr. Und der steuerliche Dank dafür: null.

Bundesamt für Statistik (BFS), Satellitenkonto 2020

📊 Die Zahlen: So viel arbeitet die Schweiz gratis

Der Freiwilligenmonitor 2025 der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) zeichnet ein eindrückliches Bild. Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung leisten Freiwilligenarbeit in irgendeiner Form. 41% davon formell – also in Vereinen, Institutionen oder Organisationen. 51% informell – als Nachbarschaftshilfe, Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. In der Summe sind das 66% der Bevölkerung, weil sich die Kategorien überschneiden. Wie diese 41% konkret aussehen, zeigt ein einziger Novemberabend: Hinter jedem Räbeliechtliumzug steht ein Eltern-, Quartier- oder Verkehrsverein, der ihn unbezahlt organisiert.

Die Dimension wird erst klar, wenn man die Stunden vergleicht. Das Bundesamt für Statistik beziffert die unbezahlte Arbeit auf 9.8 Milliarden Stunden pro Jahr. Die gesamte bezahlte Erwerbsarbeit in der Schweiz kommt auf 7.6 Milliarden Stunden. Das heisst: Unbezahlte Arbeit übersteigt die bezahlte um über 28%. In Franken ausgedrückt: CHF 434 Milliarden, berechnet mit den Löhnen vergleichbarer bezahlter Tätigkeiten.

Arbeitsstunden pro Jahr in der Schweiz (Mrd.)
Unbezahlte Arbeit9.8 Mrd.Std.
Bezahlte Arbeit7.6 Mrd.Std.

Wer macht die unbezahlte Arbeit? Frauen tragen 56% der informellen Care-Arbeit – Kinderbetreuung, Pflege von Eltern, Haushalt. In der formellen Freiwilligenarbeit (Vereine, Feuerwehr, politische Ämter) sind die Geschlechter ausgeglichener, aber auch hier gibt es ein Ungleichgewicht: Männer dominieren in Vereinsvorständen und öffentlichen Ämtern, Frauen in der Sozial- und Gesundheitsarbeit.

Besonders ernüchternd: Nur 19% der Freiwilligen erhalten irgendeine Form von Entschädigung. Bei den anderen 81% fliesst kein Rappen. Kein Stundenansatz, keine Pauschale, keine Spesenvergütung. Das sind Millionen von Menschen, die Hunderte Stunden pro Jahr arbeiten – für die Gemeinschaft, nicht für das eigene Portemonnaie.

Freiwilligenarbeit in Zahlen
66%
Leisten Freiwilligenarbeit
41%
Formell (Vereine etc.)
51%
Informell (Care-Arbeit)
56%
Frauen bei Care-Arbeit
19%
Erhalten Entschädigung
81%
Komplett unbezahlt
🧠

Ehrenamt-Quiz

2 Fragen – teste dein Wissen

1.Wie viel ist die unbezahlte Arbeit in der Schweiz wert?

2.Kann man Ehrenamt von den Steuern abziehen?

🧮 Steuerabzug für Ehrenamt: Kann man das abziehen?

Die kurze Antwort: Nein. Ehrenamtliche Tätigkeit ist in der Schweiz nicht steuerlich abzugsfähig. Weder bei der direkten Bundessteuer noch bei den Kantons- und Gemeindesteuern. Es gibt keinen Steuerabzug für geleistete Freiwilligenarbeit – egal ob du 50 oder 500 Stunden pro Jahr investierst, egal ob für die Feuerwehr, den Sportverein oder das Rote Kreuz.

Das ist kein Versehen. Es ist politisch so gewollt. 2011 reichte FDP-Nationalrätin Isabelle Moret die Motion 11.3636 ein, die einen Steuerabzug für Freiwilligenarbeit verlangte. Der Nationalrat stimmte knapp zu, mit 86 zu 84 Stimmen. Im Ständerat scheiterte sie 2012. Der Bundesrat hatte die Ablehnung beantragt: Der Abzug «würde das Steuerrecht verkomplizieren und neue Abgrenzungsfragen aufwerfen». Das Hauptargument: Steuerabzüge nützen Personen mit hohen Einkommen überproportional, während Geringverdiener kaum profitieren.

Die Ironie: Wer CHF 500 an eine gemeinnützige Organisation spendet, kann das abziehen. Wer 500 Stunden seiner Lebenszeit für dieselbe Organisation arbeitet, kann nichts abziehen. Die Logik dahinter ist aus steuerrechtlicher Sicht nachvollziehbar – Spenden sind ein Vermögensabfluss, Arbeit nicht. Für Millionen von Freiwilligen bleibt ihre Arbeit damit steuerlich unsichtbar.

Klare Rechtslage
Ehrenamtliche Tätigkeit kann in der Schweiz NICHT von den Steuern abgezogen werden. Weder direkte Bundessteuer noch Kantons-/Gemeindesteuern. Die Motion 11.3636 zur Einführung eines solchen Abzugs wurde vom Ständerat und Bundesrat abgelehnt. Seitdem gab es keinen erfolgreichen neuen Vorstoss.

✅ Was du stattdessen abziehen KANNST

Auch wenn Freiwilligenarbeit selbst nicht absetzbar ist – es gibt verwandte Posten, die steuerlich relevant sind. Die wichtigsten im Überblick:

Spenden an gemeinnützige Organisationen: Wer Geld an steuerbefreite Institutionen spendet, kann das bei der direkten Bundessteuer bis zu 20% des Reineinkommens abziehen (DBG Art. 33a). Die kantonalen Limiten variieren – manche Kantone erlauben mehr, andere weniger. Voraussetzung: Die Organisation muss als gemeinnützig anerkannt und steuerbefreit sein.

Mitgliederbeiträge: Grundsätzlich nicht abziehbar. Ausnahme: Wenn ein Verein den Mitgliederbeitrag explizit als «Spende» bestätigt und die Organisation steuerbefreit ist. Einfache Vereinsmitgliedschaften (Sportverein, Quartierverein, Berufsverband) sind kein Steuerabzug.

Effektive Auslagen: Wenn du als Freiwillige oder Freiwilliger nachweisbare Kosten hast – Fahrkosten zum Einsatzort, Material, Porto – kannst du diese unter Umständen abziehen. Aber nur, wenn der Verein diese Kosten nicht erstattet hat und du sie belegen kannst.

Achtung bei Spesenentschädigungen: Erhältst du vom Verein eine pauschale Spesenentschädigung (z.B. CHF 50 pro Sitzung), ist das grundsätzlich steuerpflichtiges Einkommen. Die ESTV behandelt pauschale Vergütungen als Lohnbestandteil. Nur effektive, belegte Spesen sind steuerfrei.

Steuerlich abziehbar oder nicht?
Abziehbar
  • Spenden an gemeinnützige Org. (bis 20%)
  • Nicht erstattete, belegte Auslagen
  • Freiwillige Zuwendungen an Parteien (kantonal)
NICHT abziehbar
  • Ehrenamtliche Arbeitsstunden
  • Vereinsmitgliederbeiträge (i.d.R.)
  • Zeitaufwand für Freiwilligenarbeit

Der komplette Überblick über alle Abzüge bei der Steuererklärung 2026 – inklusive Säule 3a, Berufsauslagen, Weiterbildung und Krankheitskosten – findest du in unserem grossen Steuer-Guide mit interaktivem Rechner.

🏛️ Politische Geschichte: Wie der Steuerabzug scheiterte

Die Idee, Freiwilligenarbeit steuerlich zu begünstigen, ist nicht neu. Sie wurde im Parlament debattiert, gewogen – und verworfen. Die Chronologie:

2011: FDP-Nationalrätin Isabelle Moret reicht die Motion 11.3636 «Ehrenamtliche Tätigkeiten durch Steuerabzüge fördern und würdigen» ein. Die Stossrichtung: Wer sich ehrenamtlich für eine gemeinnützige Organisation einsetzt, soll einen pauschalen Steuerabzug geltend machen können.

Nationalrat: Knapp JA. Die grosse Kammer stimmte der Motion zu – allerdings denkbar knapp. Die Befürworter argumentierten mit der gesellschaftlichen Bedeutung: Ohne Freiwillige würde das Schweizer Vereinswesen zusammenbrechen.

Ständerat: NEIN. Die kleine Kammer lehnte ab. Die Argumente der Gegner: Ein solcher Abzug sei technisch schwer umsetzbar, führe zu Missbrauch und bevorzuge systematisch Besserverdienende.

Bundesrat: NEIN. Auch die Landesregierung stellte sich dagegen. Er beantragte die Ablehnung: Der Abzug «würde das Steuerrecht verkomplizieren und neue Abgrenzungsfragen aufwerfen», und Steuerpflichtige mit hohen Einkommen würden wegen der Progression stärker entlastet.

Einordnung
Bemerkenswert: Nur 19 % der Freiwilligen erhalten irgendeine Form von Entschädigung. Für die anderen 81 % gibt es weder Geld noch einen Steuerabzug.

Bis heute kennt die direkte Bundessteuer keinen Abzug für unbezahlte Freiwilligenarbeit.

🌍 Internationaler Vergleich: Deutschland und Österreich machen es vor

Die EU fördert ehrenamtliche Arbeit steuerlich deutlich stärker als die Schweiz. Zwei Nachbarländer zeigen, wie es gehen könnte:

Deutschland: Ehrenamtspauschale von EUR 840 pro Jahr. Wer in Deutschland eine ehrenamtliche Tätigkeit ausübt, kann pauschal EUR 840 pro Jahr steuerfrei erhalten. Die sogenannte «Ehrenamtspauschale» nach § 3 Nr. 26a EStG gilt seit 2021 in dieser Höhe.

Österreich: Freiwilligenpauschale von EUR 1'000 pro Jahr (seit 2024). Ehrenamtliche in gemeinnützigen Organisationen können bis zu EUR 1'000 pro Jahr steuerfrei erhalten. Für besonders zeitintensive Tätigkeiten liegt die Grenze bei EUR 3'000.

Steuerfreie Ehrenamtspauschale pro Jahr
ÖsterreichEUR 1'000EUR/CHF
DeutschlandEUR 840EUR/CHF
SchweizCHF 0EUR/CHF

Wie die Steuerlandschaft in den 26 Kantonen aussieht und wo die Unterschiede am grössten sind, zeigt unser Kantonsvergleich.

🔮 Was sich ändern müsste – und was es kosten würde

621 Millionen Stunden im Jahr arbeiten Freiwillige für andere, ohne einen Rappen zu verlangen. In der Steuererklärung kommen sie nicht vor.

Die Lösung liegt auf dem Tisch. Deutschland und Österreich zeigen, dass es funktioniert: Eine pauschale steuerfreie Vergütung für nachgewiesene Freiwilligenarbeit.

Vorschlag: CHF 1'000 bis CHF 2'000 Jahrespauschale für Personen, die nachweislich mindestens 100 Stunden pro Jahr Freiwilligenarbeit in einer anerkannten Organisation leisten.

Was würde das kosten? Bei einer Pauschale von CHF 1'000 und einem durchschnittlichen Grenzsteuersatz von ~25 % spart jede Person rund CHF 250. Machen alle rund 3 Millionen Freiwilligen den Abzug geltend, fehlen CHF 750 Millionen pro Jahr, macht es die Hälfte, CHF 375 Millionen.

Dem gegenüber steht unbezahlte Arbeit im Wert von CHF 434 Milliarden. Selbst CHF 750 Millionen wären nicht einmal 0.2 % davon.

Bis es so weit ist, bleibt es bei der bitteren Realität: Rund 3 Millionen engagieren sich in Vereinen und Organisationen, Freiwillige leisten zusammen 621 Millionen Stunden im Jahr (BFS 2020). Steuerliche Anerkennung: null Franken.

Einordnung
Was hilft jetzt? Wer Freiwilligenarbeit leistet und Auslagen hat: Belege sammeln, dem Verein eine schriftliche Bestätigung abverlangen, nicht erstattete Kosten als Spende in der Steuererklärung geltend machen.
📊
Schnell-Umfrage

Soll die Schweiz Freiwilligenarbeit steuerlich belohnen?

Ein Klick – anonym, keine Anmeldung nötig.

❓ Ehrenamt & Steuern – ehrlich beantwortet

Basierend auf ESTV, BFS und Parlamentsunterlagen

🔍

Nutzer fragen auch

Verwandte Fragen aus unserem Magazin

Steuererklärung 2026: Fristen & Abzüge →
Schweizer Löhne 2026 – der grosse Vergleich →
26 Kantone – Steuer-Ranking →
AHV Rente 2026 – Berechnung & Tipps →
Einordnung

Dieser Artikel basiert auf dem Satellitenkonto Haushaltsproduktion 2020 des BFS, dem Freiwilligenmonitor 2025 der SGG, den offiziellen Parlamentsunterlagen zur Motion 11.3636 sowie den Abzugsregelungen der ESTV. Alle Quellen sind unten verlinkt.

Geschrieben von
Reto Amrein
Reto Amrein

Redaktor ConvivaPlus · Geld & Arbeit

Schreibt über Löhne, Steuern, Versicherungen und Vorsorge – nachvollziehbare Zahlen mit Quelle.

  • Löhne
  • Steuern
  • Versicherungen
  • Vorsorge
Recherchiert & mit Quelle geprüft · für die Schweiz
Quellen & Methodik5
Recherchiert & mit Quelle geprüft · für die Schweiz
Stand: 23. März 2026
01
02
Freiwilligenmonitor 2025 (SGG) →Aktuelle Zahlen zur Freiwilligenarbeit
03
BFS – Freiwilligenarbeit →Offizielle Statistik
04
Parlament – Motion 11.3636 →Steuerabzug für Freiwilligenarbeit

Alle Angaben ohne Gewähr. Fehler gefunden? → support@conviva-plus.ch

💡Wusstest du?

Unbezahlte Arbeit in der Schweiz: 9.8 Milliarden Stunden pro Jahr. Das ist MEHR als alle bezahlte Arbeit zusammen (7.6 Mrd.). Wert: CHF 434 Milliarden.

Quelle: Bundesamt für Statistik (BFS), Satellitenkonto 2020
Wie findest du diesen Artikel?

Fehler entdeckt oder Feedback? Sag uns Bescheid oder schreib uns direkt.

Wirtschaft · 23.03.2026

Empfehlung

ConvivaPlus als bevorzugte Quelle

Wähle ConvivaPlus in der Google-Suche als bevorzugte Quelle – dann erscheinen unsere Ratgeber weiter oben in deinen «Top Stories».