Unser Wohlstand steht auf Leichenbergen

«Uns fliegen jetzt gerade 600 Jahre Kolonialismus um die Ohren.»

 


Angst Sklaverei Unterdrückung

«Fluchtursachen bekämpfen, höre ich immer.

Wie rührend.

Das werden wir natürlich nicht tun.

Weil wir sonst unsere Lebensweise ändern müssten.

Unsere Lebensweise ist deren Fluchtursache.

Von Klamotten bis Landwirtschaft.

Vom Ehering bis zur Stereoanlage und zum Waffenhandel.

Das funktioniert.

Wir bekämpfen die Geflüchteten.

Aber keine Fluchtursachen.

Wir sind nicht interessiert an den Ursachen.

Nicht ehrlich.

Sonst müssten wir was tun.

Das ganze läuft ja auch schon seit mindestens 1444 so.

Seit die ersten Sklavenschiffe in Lissabon angekommen sind.

Haben wir ernsthaft geglaubt, das geht jetzt nochmal 600 Jahre so?

Haben wir gedacht, das merkt keiner?

Seit wir das alle in der zehnten Klasse gelernt haben in Geschichte, ist uns klar, dass das nicht nochmal 600 Jahre so weitergeht.

Uns fliegen jetzt gerade 600 Jahre Kolonialismus um die Ohren.

Und wir müssen das irgendwie mit Anstand über die Bühne kriegen.

Ohne zu verrohen.

Ohne Barbaren zu werden wie unsere Vorfahren.

Und hier sitzen dann Leute in Talkshows und Zeitungsredaktionen und erzählen uns, sie sind stolz auf 70 Jahre Frieden und Freiheit in Europa.

Wir haben Krieg und Sklaverei outgesourct. Ganz perfekt.

Unser Wohlstand steht auf Leichenbergen und es werden täglich mehr.

Aber weil das eben so bitter ist, muss man dauernd dazu übergehen und sagen:

„Die Afrikaner sind ja selber schuld.“

„Die haben ja Diktatoren.“

„Die sind ja so viel korrupter als wir.“

„Diese Korruption, da ist ja Kleptokratie überall.“

Das stimmt ja alles. Sind ja Diktatoren.

Und da ist viel Kleptokratie und viel Korruption.

Ist auch ein riesen Problem.

Das ist ja alles richtig.

Und auch schon sehr lange.

Aber was sind das für durchsichtige Argumente.

Was für läppische, schwache Entlastungsargumente.

Angesichts der Monstrosität, die wir Welthandel nennen.

Das Spiel heisst Globalisierung.

Und wir haben das ganze perfekt auf unsere Bedürfnisse ausgerichtet und abgestimmt.

Und jetzt haben wir ein schlechtes Gewissen.

Und Angst, in die Unterzahl zu kommen.

Wir haben Angst, unsere Heimat zu verlieren.

Weil Leute kommen, die schon längst ihre Heimat verloren haben.

Aus unserer Angst wird jetzt Wut und Zorn.

Also Zorn ist Wut mit Abitur.

Und Leute, die sich nicht verstanden fühlen, wählen jetzt Leute, die sich nicht ausdrücken können.

Was für eine traurige Ironie.

Aber unser Zorn ist ja schon verständlich.

Also wenn man bedenkt, was wir gelitten haben ...

Fortsetzung live:


Unser Wohlstand steht auf Leichenbergen [video]:



Hagen Rether ist ein deutscher Kabarettist. Webseite: www.hagenrether.de
 

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(Last updated: 27.08.2018, 11:33)