Spätdiagnose ADHS – Warum immer mehr Erwachsene in der Schweiz Klarheit suchen


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Der lange Weg zur Diagnose: Wenn ADHS erst im Erwachsenenalter erkannt wird


Viele Menschen durchleben lange Zeit Schwierigkeiten, ohne zu wissen, dass ADHS die Ursache sein könnte. In der Schweiz erhalten immer mehr Erwachsene erst in späteren Lebensjahren ihre Diagnose. Die Gründe dafür sind vielfältig: Früher wurde ADHS hauptsächlich als Kinderkrankheit betrachtet, die sich im Erwachsenenalter auswächst.

Heute ist belegt, dass die Symptome bei vielen Betroffenen bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Viele haben gelernt, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren oder zu verstecken. Sie entwickeln Bewältigungsstrategien, die jedoch oft an ihre Grenzen stossen, wenn berufliche oder private Anforderungen steigen. Nicht selten führen Fehldeutungen zu Umwegen in der Versorgung, etwa wenn Antriebslosigkeit ausschliesslich als mangelnde Motivation gewertet wird.

Der Leidensdruck steigt häufig in Lebensphasen mit erhöhten Anforderungen: beim Berufseinstieg, während der Familiengründung oder bei beruflichen Veränderungen. Dann reichen die über längere Zeit entwickelten Kompensationsstrategien nicht mehr aus, und die ADHS-Symptomatik tritt deutlicher zutage.

 

 

Symptome bei Erwachsenen: Mehr als nur Unaufmerksamkeit


ADHS bei Erwachsenen zeigt sich oft anders als bei Kindern. Die motorische Unruhe wandelt sich häufig in eine innere Rastlosigkeit. Betroffene beschreiben ein ständiges Gedankenkarussell, Schwierigkeiten beim Abschalten und das Gefühl, permanent unter Strom zu stehen. Gleichzeitig berichten viele über Phasen intensiver Konzentration, in denen einzelne Themen übermässig fesselnd wirken.

Typische Herausforderungen im Alltag sind Probleme mit der Zeitplanung, Schwierigkeiten bei der Organisation von Aufgaben und das Aufschieben wichtiger Erledigungen. Viele Erwachsene mit ADHS kämpfen mit impulsiven Entscheidungen, häufigen Jobwechseln oder Beziehungsproblemen.

Besonders belastend ist oft die emotionale Dysregulation: Stimmungsschwankungen, niedrige Frustrationstoleranz und intensive Gefühlsreaktionen gehören zum Alltag. Diese Symptome werden häufig fälschlicherweise als Charakterschwäche interpretiert oder mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen verwechselt. Dabei handelt es sich um neurologisch bedingte Besonderheiten, die mit der richtigen Unterstützung gut behandelbar sind.

 

 

Gesellschaftlicher Wandel: Warum ADHS heute sichtbarer wird


Die steigende Zahl der Diagnosen bei Erwachsenen spiegelt einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel wider. Soziale Medien und Online-Plattformen haben massgeblich zur Aufklärung beigetragen. Betroffene teilen ihre Erfahrungen, wodurch andere sich wiedererkennen und erstmals eine Erklärung für ihre lebenslangen Herausforderungen finden. Auch Fortbildungen im Gesundheitswesen und ein breiteres Angebot an Informationen in den Medien tragen dazu bei, dass typische Muster schneller erkannt werden.

Gleichzeitig haben sich die Anforderungen der modernen Arbeitswelt verändert. Multitasking, ständige Erreichbarkeit und die Informationsflut stellen für Menschen mit ADHS besondere Herausforderungen dar. Was früher durch körperliche Arbeit oder klar strukturierte Tätigkeiten kompensiert werden konnte, führt in der heutigen Wissensgesellschaft vermehrt zu Überforderung.

Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen trägt ebenfalls dazu bei, dass mehr Menschen professionelle Hilfe suchen. In der Schweiz hat sich das Bewusstsein für neurodivergente Personen deutlich verbessert, was den Zugang zu Diagnostik und Behandlung erleichtert.

 

 

Moderne Wege zur Abklärung: Von der Vermutung zur Gewissheit


Die ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen erfordert spezialisierte Fachpersonen und standardisierte Verfahren. In der Schweiz bieten mittlerweile viele Praxen und Kliniken entsprechende Abklärungen an. Der Prozess umfasst ausführliche Gespräche zur Lebensgeschichte, standardisierte Fragebögen und neuropsychologische Tests. Entscheidend ist ein strukturierter Ablauf mit klaren Kriterien, damit Ergebnisse nachvollziehbar und vergleichbar bleiben.

Besonders wichtig ist die Erfassung der Symptome seit der Kindheit, da ADHS eine Entwicklungsstörung ist, die bereits im Kindesalter beginnt. Oft werden auch Angehörige befragt oder alte Schulzeugnisse herangezogen. Die Differenzialdiagnostik schliesst andere Erkrankungen aus, die ähnliche Symptome verursachen können. Häufig arbeiten Hausärztinnen, Psychologinnen und Psychiater in enger Abstimmung, um ein stimmiges Gesamtbild zu erhalten.

Innovative Online-Angebote haben die Zugänglichkeit zur Diagnostik deutlich erweitert. Videobasierte Erstgespräche und digitale Screening-Tools ermöglichen eine niederschwellige erste Einschätzung. Diese modernen Ansätze können Wartezeiten spürbar verringern und erleichtern Menschen in ländlichen Gebieten oder mit eingeschränkter Mobilität den Zugang zu qualifizierter Diagnostik.

 

 

Therapieoptionen: Individuelle Wege zu mehr Lebensqualität


Nach der Diagnose stehen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die Therapie wird individuell auf die Bedürfnisse und Lebensumstände der Betroffenen abgestimmt. Eine medikamentöse Behandlung kann die Kernsymptome lindern, psychotherapeutische Ansätze unterstützen beim Aufbau hilfreicher Strukturen und beim Umgang mit Belastungen. Psychoedukation vermittelt Verständnis für die eigene Symptomatik und hilft, Muster im Alltag gezielt zu verändern.

Verhaltenstherapeutische Programme helfen dabei, den Alltag besser zu organisieren und mit typischen ADHS-Herausforderungen umzugehen. Coaching-Ansätze fokussieren auf praktische Lösungen für Beruf und Privatleben. Für viele Betroffene kann eine spezialisierte ADHS Behandlung ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu stabileren Routinen sein.

Ergänzend haben sich Achtsamkeitstraining, Sport und Ernährungsanpassungen als hilfreich erwiesen. Selbsthilfegruppen bieten wertvollen Austausch mit anderen Betroffenen. Je nach Situation können auch arbeitsplatzbezogene Anpassungen sinnvoll sein, etwa klare Prioritäten, realistische Aufgabenpakete und feste Ansprechpersonen. Die Kombination verschiedener Ansätze – multimodales Behandlungskonzept genannt – zeigt oft die besten Ergebnisse und ermöglicht Erwachsenen mit ADHS ein erfülltes Leben.