Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge: Eidgenossen & Helvetier


«Der „echte Schweizer“ definiert sich nicht über den roten Schweizer Pass. Den kann ja heutzutage jeder kriegen. Der ist nix mehr wert! Schau, wie sie uns auslachen, all diese schmarotzenden Papierlischweizer! Das sind keine echten Schweizer. Das sind keine echten Eidgenossen wie wir!!!» (Kommentar auf Facebook)

Manche betonen gerne den Unterschied zwischen „echten Schweizern“ („Eidgenossen“) und „nicht echten Schweizern“ (Eingebürgerte oder „Papierlischweizer“). Doch wie viel „Eidgenosse“ und wie viel „Wirtschaftsflüchtling“ steckt in diesen „Eidgenossen“ tatsächlich noch drin?

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Schweizer Flagge mit Boot

 

Die Helvetier wollten die Schweiz verlassen:

Der Eidgenosse ist noch ein waschechter Helvetier - und von Grund auf stolz auf seine helvetische Abstammung, seine Vorfahren. Dieser helvetische Volksstamm, auf den sich manche Eidgenossen noch heute berufen, wollte die Schweiz damals aber eigentlich weit hinter sich lassen - und in Frankreich als „Wirtschaftsflüchtling“ einwandern: «Die Helvetier, die einen Teil des Mittellandes besiedelt hatten, brannten ihre Siedlungen nieder und wollten die Schweiz verlassen, um in eine mildere und fruchtbarere Gegend des heutigen Frankreich auszuwandern», schildert «Infosperber» die damaligen Ereignisse.

Nur den Römern unter Kaiser Gaius Julius Cäsar hat es der „Eidgenosse“ zu verdanken, dass der "Eidgenosse" heute kein Franzose ist. Cäsar schlug die Helvetier bei der Schlacht von Bibracte im Jahr 58 v. Chr. entscheidend und fügte ihnen eine derart schwere Niederlage, dass die Helvetier angezählt wieder ins Mittelland zurückkehrten. Caesar befahl den Helvetiern, in die von ihnen selbst verwüstete Heimat zurückzukehren.


«Ist es nicht sonderbar, dass ausgerechnet der Name der Helvetier, die das Land verlassen wollten, aber in die Schweiz zurückkehren mussten, zum Synonym für Schweizer wurde?»
 

 

Wirtschaftsflüchtende Eidgenossen:


Sie waren arm, kulturfremd, unbeliebt, schlecht qualifiziert: Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge.

«Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit: Wirtschaftliche Not trieb im 19. Jahrhundert zehntausende Schweizer ins Ausland.»
 

Doch die «Auswanderung war kein neues Phänomen in der Schweiz. Von der zweiten Hälfte des 16. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Wanderungsbilanz wahrscheinlich immer negativ - es wanderten mehr Leute aus als ins Land kamen», fasst «watson» zusammen.

Von einer Massenauswanderung der Eidgenossen kann man aber erst ab Mitte 19. Jahrhunderts sprechen.

«Von 1851 bis 1860 erreichte der Exodus einen ersten Höhepunkt: In diesen zehn Jahren wanderten rund 50'000 Personen nach Übersee aus. Nach einem leichten Rückgang in den 1860er und 1870er Jahren, in denen je 35'000 Menschen das Land Richtung Übersee verliessen, waren es im Jahrzehnt von 1881 bis 1890 über 90'000. Danach pendelte sich die Zahl der Auswanderer pro Jahrzehnt auf zwischen 40'000 und 50'000 ein», rechnet «watson» vor.

Die Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge suchten ihr Glück allen voran in den USA. Die Überfahrt bzw. die „Flucht“ in die USA war aber lebensgefährlich: Den Schweizer Emigranten drohten Krankheiten und Tod durch Schiffsunglücke.


Trotz aller Gefahr für Leib und Leben wagten immer mehr Eidgenossen die gefährliche Fluchtroute. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts «entschlossen sich auch Leute zur Auswanderung, die bessere Berufschancen und sozialen Aufstieg suchten - mit einem Wort: Wirtschaftsflüchtlinge», berichtet «watson».
 

Rund 330'000 Schweizer wanderten zwischen 1850 und 1900 aus und verliessen ihre Heimat Schweiz für ein besseres Leben.

 

Unbeliebte Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge:

Seines Lebens froh war, wer die beschwerliche Flucht übers Meer heil überstand. In den USA erwartete die wirtschaftsflüchtenden Eidgenossen aber nicht etwa das ersehnte Paradies, sondern Schikane und Fremdenfeindlichkeit durch die Einheimischen. Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge waren äusserst unbeliebt. Entsprechend war auch die einheimische mediale Berichterstattung. Im März 1855 etwa titelte die «New York Times»: «Noch mehr Almosenempfänger aus der Schweiz – wieder eine Schiffsladung auf dem Weg», zitiert der «Tagesanzeiger» die US-Zeitung.

Im November 1879 beschrieb die «New York Times» den Schweizer Migranten Theodor Meier in einem Portrait als «schwer entstellt und unfähig zu arbeiten». Meier war bei seiner Ankunft das Geld ausgegangen. Er weigerte sich jedoch, in seine Heimat zurückzukehren. «Aber die Migrationsbeamten sind entschlossen, ihn zurückzuschicken.»

«Ebenso sollte das Mädchen wieder in ein Schiff nach Europa gesetzt werden. Nur so könne der Kanton Aargau davon abgeschreckt werden, weitere unerwünschte Bürger «zulasten des amerikanischen Steuerzahlers» auf Reise zu schicken.»


Und auf diese Helvetier und Schweizer „Wirtschaftsflüchtlige“ beruft sich der „stolze Eidgenosse“ von heute? Zeigt aber gleichzeitig mit dem Finger auf angeblich "90% Wirtschaftsflüchtlinge"?
 

Ein krasser Widerspruch. Und argumentativ eine unlösbare Gratwanderung. Doch den „echten Eidgenossen“ scheint dies nicht zu beirren.

 

Überfremdung der Schweizer Kultur?


Die "Eidgenossen" von heute wollen sich vor den „Invasoren mit Migrationshintergrund“ abgrenzen. Darum betonen sie stolz ihre eidgenössische Blutlinie (möglichst mit einem imaginären Familienstammbaum auf 1291 zurück). Sie zeigen mit dem Mahnfinger auf Merkel und beschimpfen die „Willkommenskultur“ von Sommaruga (in einem der restriktivsten Ländern Europas wohlgemerkt). Sie schimpfen Hilfesuchende „90% Wirtschaftsflüchtlinge“. Sie warnen vor einer baldigen „Islamisierung“ und „No-Go-Areas“. Sie fürchten eine „Unterwanderung“ und „Überfremdung“, und den irreversiblen „Verlust unserer Schweizer Kultur“. Eigentlich ein ziemlich ängstliches Grüppchen, diese strammen, stolzen "Eidgenossen".
 

Doch nun die Hiobsbotschaft.

«Wer glaubt, die Einwanderung sei ein Merkmal der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, ist auf dem Holzweg.»

 

„Importierte Fachkräfte“ in der alten Eidgenossenschaft


«Bereits vor Jahrhunderten hatten die Schweizer Städte neue Mitbürger nötig.»
 

Christoph Blocher Herkunft als Papierlischweizer

Die Schweiz «benötigte in zahlreichen Epochen gut qualifizierte Personen, aber auch schlicht Arbeitskräfte», berichtet «Infosperber» und beruft sich auf neue von Historikern entdeckten Dokumente (1531) der Landsgemeinde von Schwyz, die im Buch «Die Schweizer Migrationsgeschichte» von André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz zu finden sind.

So auch im 14. bis 16. Jahrhundert. Damals lag die Sterblichkeit in den Städten der „Alten Eidgenossenschaft“ höher als auf dem Land. «Es war deshalb lebenswichtig, dass die Städte Menschen aufnahmen und ihnen danach das Bürgerrecht verliehen.» Von nah und fern integrierten sich die Einwanderer in die Gesellschaft: «Mehrere gehörten später zu den führenden Familien wie die Bodmer und Pestalozzi (aus Italien), die Göldi und die Heidegger (aus Deutschland).»

Diese „Wirtschaftsmigranten“ oder „Invasoren“, wie es im Jargon rechtspopulistischer Kreise gerne heisst, die weilen nachweislich also längst unter uns. Seit Jahrhunderten schon. Und sie haben seither garantiert den Familienstammbaum des einen oder anderen „echten Eidgenossen“ gekreuzt. (Mehr zum Thema: «Die Eidgenossen sind Migranten»).

Vielleicht ja eine gute Gelegenheit, die Sicht der Dinge noch einmal neu zu überdenken? Der Mensch bleibt Mensch. Wer den roten Pass hat, ist Schweizer. Wer in der Schweiz wohnt, zählt zur Schweizer Bevölkerung. Und alle sind sie eine Bereicherung. Punkt.

Lesenswerte Artikel:

Hungernde aus Schweden flüchteten nach Schwyz (Infosperber)

«Wieder eine Schiffsladung Schweizer» (Tagesanzeiger)

Arm, kulturfremd, schlecht qualifiziert: Als wir Schweizer noch selber Wirtschaftsflüchtlinge waren (watson)


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(Last updated: 26.09.2018, 23:14)