126'000 Schweizer können KK-Prämien nicht bezahlen - Folgen: Keine ärztliche Behandlung oder Medikamente


Schockierende Zahlen: Über 126'000 Schweizerinnen und Schweizer können oder wollen ihre Krankenkassenprämien nicht bezahlen. Schweizweit bleiben Rechnungen im Wert von 236 Millionen Franken offen. Tendenz steigend. Mit schwerwiegenden Folgen für die Nichtzahler (siehe weiter unten).

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Krankenkassenprämien nicht bezahlt:

Die Zahlen haben es in sich in der reichen Schweiz. Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) wurden 2011 schweizweit 405'039 Versicherte von ihrer Krankenversicherung betrieben. Obschon im selben Jahr 4,26 Milliarden Franken Prämienverbilligungen ausbezahlt wurden.

Allein im Kanton Zürich blieben im Jahr 2014 Krankenkassen-Rechnungen von rund 20'000 Personen im Wert von 37,8 Millionen Franken unbezahlt. Seit 2007 eine Verdopplung.

Laut SVP-Nationalrat und Präsident des Krankenkassenverbands Santésuisse, Heinz Brand, werden die nicht bezahlten Prämien «dann zwangsläufig auf die anderen Versicherten beziehungsweise auf den Steuerzahler abgewälzt

Aktuelle Regelung: Zahlt eine Person ihre Krankenkassenprämien nicht, übernimmt der Kanton 85% der ausstehenden Rechnung. Was schon mal ein bis zwei Jahre dauern kann. Bis dahin können die Kantone Versicherte, die wegen ausstehenden Prämien betrieben werden, auf sogenannte schwarze Listen setzen. Betroffene werden dann nur noch im Notfall behandelt, die Bezahlung wichtiger Medikamente verweigert.

Schwarze Listen führen die Kantone Aargau, Graubünden, Luzern, Schaffhausen, Solothurn, St. Gallen, Tessin, Thurgau und Zug.

Krankenkassenprämien nicht bezahlt: Keine ärztliche Behandlung und keine Medikamente mehr

 

Hohe Krankenkassenprämien machen zahlungsunfähig:

Selbst Brand gesteht aber ein, dass die KK-Prämien mittlerweile für gewisse Einkommensschichten in der Schweiz eine kritische Höhe erreicht haben. Dennoch relativiert er gegenüber «20 Minuten» kurz darauf: «Es gibt aber auch eine Kategorie von Kunden, die ihr Geld lieber für ein neues Auto oder Ferien ausgeben als für die Krankenkassenprämien.»

Brand lenkt vom Kernproblem ab. Kaum jemand wird absichtlich Rechnungen, Mahnungen und Betreibungen der Krankenkassen aus Prinzip ignorieren. Schwarze Schafe wird es sicherlich geben, allerdings dürften sie nur einen geringen Anteil an den 126'000 nicht zahlungsfähigen Versicherten ausmachen. Denn wer wegen nicht bezahlten Krankenkassenprämien betrieben wird und auch dann seine Rechnungen nicht begleicht, wird unweigerlich gepfändet. Jahrelang willentlich sein Geld für alles andere als für die Krankenkasse auszugeben, wie viele SVP-Politiker den säumigen Prämienzahlern vorwerfen, ist gar nicht möglich. Die Krankenkassenprämien sind für manche Haushalte schlichtweg zu hoch und sie steigen jährlich, während die Löhne stagnieren.

«Die Prämien sind in den letzten Jahren so stark gestiegen, dass viele Haushalte diese finanzielle Herausforderung schlicht nicht mehr stemmen können», bilanziert Rausan Noori, Juristin bei der Schuldenberatung von Caritas Schweiz gegenüber «20 Minuten».


Volksinitiative fordert
Amtsenthebung für alle
Krankenkassen-Lobby-Parlamentarier

Das Schweizer Parlament ist
voller Krankenkassen-Lobbyisten

 

Keine Medikamente und ärztliche Behandlung mehr:

Die Folgen einer Nichtbezahlung von Krankenkassenprämien hat für die betroffenen Nichtzahler gravierende Folgen. Einige Kantone führen eigens schwarze Listen. Die Krankenkasse bezahlt den Betroffenen keine ärztlichen Behandlungen mehr. Chronisch Kranken werden sogar die Medikamente verwehrt. Den Nichtzahlern werden nur noch medizinische Notfallbehandlungen bezahlt. Das geänderte Krankenversicherungsgesetz (KVG) ermöglicht solch harte Methoden.

Fazit: Eine Lose-Lose-Situation.

Denn einerseits bedeutet die Verwehrung von medizinischen Leistungen einen Bruch mit der Bundesverfassung.

Und zweitens führen Nichtbehandlungen zu noch höheren Folgekosten im Gesundheitswesen.

«Zahlungsunwillige kann man pfänden lassen. Es kann aber nicht angehen, dass man zahlungsunfähige, kranke Menschen bestraft. Säumigen Steuerzahlern verbietet man ja auch nicht, die Strasse zu benutzen», kritisiert GLP-Nationalrätin Margrit Kessler, ihres Zeichens Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz gegenüber dem «Beobachter».

 

Einziger Gewinner: Die Krankenkassen

Die Kantone übernehmen zwar 85% der ausstehenden Krankenkassenrechnungen, die Krankenkassen können bei den Versicherten aber trotzdem 100 Prozent der Schulden einfordern. In der Praxis wird es gar noch rigoroser gehandhabt wie der «Beobachter» schreibt: «Zahlen die säumigen Versicherten doch noch, müssen die Kassen 50 Prozent des Betrags dem Kanton abliefern, den Rest können sie behalten.»

Das heisst: Die Krankenversicherungen können bis zu 135 Prozent ihrer Forderungen einholen.

Weiterführende Informationen:
- Wer nicht zahlt, muss leiden (Beobachter)
- Zum Arzt? Kann ich mir nicht leisten (Beobachter)
- Über 100'000 Schweizer zahlen ihre Prämien nicht (20 Minuten)

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(Last updated: 08.10.2017, 18:43)