ETH lässt Gelähmte wieder laufen - Schweizer Therapie-Durchbruch


Schweizer Forschern der ETH Lausanne ist bei der Reha-Behandlung von chronischen Querschnittgelähmten ein Durchbruch gelungen. Die ETH-Therapie lässt gelähmte Patienten dank präziser Elektrostimulation ihres Rückenmarks durch ein drahtloses Implantat und einem intelligenten Körpergewichtsstützsystem nach einigen Monaten Training mehr als einen Kilometer ohne Hilfe der Hände wieder gehen (mit Video).


Alle an der Studie beteiligten Patienten erhielten wieder die freiwillige Kontrolle über ihre seit vielen Jahren gelähmte Beinmuskulatur.
 

 


Diese neue Studie mit dem Titel STIMO (Stimulation Movement Overground) schafft einen neuen therapeutischen Rahmen zur Verbesserung der Rehabilitation nach einer Rückenmarksverletzung. Und die neue Behandlungsmethode für Querschnittgelähmte zeigt erste Erfolge. Das Wissenschaftler-Team von Grégoire Courtine (EPFL) und Jocelyne Bloch (Unispital Lausanne) hat in den renommierten Fachzeitschriften «Nature» und «Nature Neuroscience» in den Ausgaben vom 1. November ihre Ergebnisse veröffentlicht:


«Alle Patienten konnten innerhalb einer Woche mit Körpergewichtsunterstützung laufen. Ich wusste sofort, dass wir auf dem richtigen Weg sind», ergänzt die Neurochirurgin Jocelyne Bloch, die die Implantate operativ bei den Patienten einsetzte.
 


Walking again after spinal cord injury [video]:


 

Demnach konnten Betroffene nach einigen Monaten Training die bisher gelähmte Muskulatur auch ohne elektrische Stimulation kontrollieren. Die Patienten konnten sogar ohne Gehilfen kurze Gehdistanzen bewältigen.

Im Fokus der Forschungsergebnisse stehen drei Patienten mit Rückenmarksverletzung, durch die sie seit über vier Jahren grösstenteils gelähmt waren. «Die Stimulation muss so präzise sein wie eine Schweizer Uhr. Mit unserer Methode implantieren wir eine Reihe von Elektroden über dem Rückenmark, mit denen wir einzelne Gruppen der Beinmuskulatur ansprechen können», erklärt Jocelyne Bloch. «Bestimmte Elektrodenkonfigurationen aktivieren bestimmte Bereiche des Rückenmarks und reproduzieren so die Signale, die das Gehirn zum Gehen aussenden würde.»

Menschen gehen mit Gehhilfe

Für die Patienten bestand die Herausforderung darin, zu lernen, wie sie die Absichten ihres Gehirns zum Gehen mit gezielter elektrischer Stimulation koordinieren können. Es dauerte nicht lange. «Alle drei Teilnehmer der Studie konnten nach nur einer Woche Kalibrierung mit Hilfe eines Gurtzeugs, das ihr Körpergewicht unterstützte, gehen. Und die freiwillige Muskelkontrolle hat sich innerhalb von fünf Monaten nach dem Training enorm verbessert», sagt Courtine. «Das menschliche Nervensystem hat noch tiefer auf die Behandlung reagiert, als wir dachten.» Darüber hinaus zeigten die Patienten keine Muskelermüdung in den Beinen, so dass es keine Verschlechterung der Gehqualität gab.

Trotzdem warnen Experten vor verfrühter Euphorie und überzogenen Erwartungen. Dies Behandlung sei noch weit von einer Übertragbarkeit in die klinische Routine entfernt, relativiert beispielsweise Winfried Mayr von der Medizinischen Universität Wien die Forschungsergebnisse im «Tagesanzeiger». «Man dürfe gegenüber den Betroffenen nicht die unberechtigte Hoffnung wecken, es gäbe eine für alle anwendbare Lösung, die sie wieder auf die Beine bringe.»

Courtine betont jedoch gegenüber der «SDA»: «Es ist ein wichtiger erster Schritt für Paraplegiker». Vor allem eine möglichst frühe Behandlung nach der Rückenmarksverletzung sei wichtig, «wenn das Erholungspotenzial noch hoch sei». Ein Startup namens GTXmedical, das von Courtine und Bloch mitbegründet wurde, wird diese Erkenntnisse nutzen, um massgeschneiderte Neurotechnologie zu entwickeln.

Weiterführende Informationen:
Une neurotechnologie révolutionnaire pour traiter la paralysie (Unil)
Neue ETH-Therapie lässt drei Gelähmte wieder gehen (Tagesaneiger)

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(Last updated: 31.10.2018, 19:52)

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